Tintinnabula et alia. Objekte römischer Alltagsmagie (Bendschus)

Nillandschaft
Neapel, MAN 27840 (Gabinetto Segreto)Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons


Auf Grund ihrer oft expliziten, skurrilen, mitunter grotesken Darstellungen bilden römische sogenannte tintinnabula für Museumsbesucher faszinierende Blickfänge, doch zählen sie weiterhin zu den kaum erforschten Materialgruppen. Der Begriff umschreibt konventionell kleinformatige Bronzeplastiken mit mehreren über Ösen, Ringen und Ketten befestigten Metallglöckchen. Hauptsächlich aus den Vesuvstädten bekannt und mit expliziter Phallussymbolik assoziiert erfahren tintinnabula regelmäßig Rezeption im Zusammenhang mit antiker Erotik und Pornographie, aber auch als Glücksbringer im Kontext römischer Religion und Magie.

Eine Bestandsaufnahme der uns erhaltenen Exemplare steht allerdings ebenso aus wie deren grundlegende Typologisierung. Bei näherer Betrachtung und unter Hinzuziehung weniger prominenter, jedoch zunehmend zahlreicher Beispiele aus ehemals provinzialrömischen Gebieten werden drastische Unsicherheiten im Umgang mit diesen Objekten evident. Dies betrifft einen gravierenden Mangel an Kohärenz in Begrifflichkeit und funktionaler Bestimmung ebenso wie eine Dunkelziffer unerkannter Exemplare, die wegen ihrer fragmentierten Erhaltung in Forschung wie Kunsthandel nicht erkannt und als Spielzeuge, Amulette oder Gewichte von Schnellwaagen klassifiziert wurden.

Die Untersuchung strebt an, die große terminologische und typologische Unschärfe zu beseitigen sowie Emergenz und Ursprung grundlegend zu klären. Darüber hinaus fragt die Studie im Sinne moderner material culture studies nach Objekt-Mensch-Beziehungen und der affective agency dieser Stücke. Den Effekten von Ablenkung und Zerstreuung, die in Form disharmonischer Klängen und grotesken wie humorvollen Darstellungen optische wie akustische Reize in schutzbringender Absicht akkumulieren gilt dabei besonderes Interesse. Damit ist die Hoffnung verbunden, tintinnabula und verwandte Objekte wie crepundia oder unter Begriffen wie probaskania, geloia und phylakteria subsummierte Stücke sozial zu kontextualisieren und ihren Platz in der römischen Religion, Alltagsmagie und Lebenswelt zu ergründen.