Antike Sinneswelten. Untersuchungen zur materiellen Kultur der multisensoriellen Wahrnehmung im Altertum (Bendschus)

Nillandschaft
Neapel, MAN 27840 (Gabinetto Segreto)Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons


Der Begriff des sensory turn charakterisiert seit 2006 retrospektiv Forschungstendenzen, die im Paradigma des embodiment der kulturanthropologischen Theorie (als Gegenentwurf der 1980er Jahre zum vorangegangenen Verbozentrismus und Textualismus) wurzeln, in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere jedoch von soziologischen und ethnologischen, aber auch kulturgeschichtlichen und geographischen Studien getragen wurden und den jeweiligen Fachbereichen seitdem starke Impulse verleihen. Im Mittelpunkt der Forschung steht dabei der eigene Körper als Nullpunkt der menschlichen Sinneswahrnehmung, von der aus sich unsere Lebenswelt aus einer Gesamtheit sensorieller Erfahrungen heraus strukturiert, sodass emotionale Affekte und visuelle wie non-visuelle Sinneseindrücke als kulturelle Größen systematisch in die Analyse einzubeziehen sind. Das physikalische Sinnesereignis steht den anatomischen Voraussetzungen des menschlichen Körpers und der damit verbundenen neuropsychologischen Verarbeitung im Gehirn gegenüber. Grundzüge seiner Klassifizierung sind damit kulturübergreifend, Unterschiede in der hierarchischen Zuordnung von Bedeutung und dem Aushandeln eines eigenen Verständnisses der Sinne entstehen jedoch im kulturellen und sozialen Kontext, weshalb im Hinblick auf Modi der Wahrnehmung nicht von anthropologischen Konstanten gesprochen werden kann, sondern diese in historischer Dimension stets in ihrer zeitlichen, räumlichen und soziokulturellen Einbettung zu erforschen sind.

Die klassische Antike bietet vor allem in der schriftlichen Überlieferung einen reichen Fundus an Repräsentationen sensorieller Erfahrungen vergangener Gesellschaften. Eine Annäherung an das Thema erfolgte für diesen Zeithorizont daher bislang nahezu ausschließlich anhand philologischer Einzelstudien. Die klassisch-archäologische Forschung war und ist aus nachvollziehbaren Gründen auf das Visuelle zentriert, obgleich haptische, olfaktorische oder akustische Erfahrungen – gerade in Anbetracht der Flut sensorieller Reize für den modernen Menschen in Form von Lärmbelästigung und anderen Phänomen wahrscheinlich noch dezidierter als heute – die unmittelbare Lebenswelt der Antike prägten.

Im Sinne zeitgemäßer material culture studies ist aber auch für die antike materielle Kultur die Frage nach multisensoriellen Wahrnehmungsmodi in Objekt-Mensch-Beziehungen sowie nach intersensoriellen Aspekten dieser zu fragen. Unter Fragestellung und Methodik multisensorieller Forschung ist vor dem Hintergrund einer sorgfältigen Analyse der literarischen, materiellen und ikonographischen Quellen und ihrer jeweiligen Kontexte ein bedeutender Beitrag nicht nur hinsichtlich der theoretischen Reflexion zur soziokulturellen Bedeutung von Sinneserfahrungen, sondern auch für bislang weitestgehend unerforschte Aspekte der antiken Lebenswelt zu erwarten. Erst durch beabsichtigte Klangeffekte findet z. B. bei Brunnenfiguren römischer Privathäuser oder tönernen Pfeifgefäßen in Tierform eine Animierung der Objekte statt. Bei sogenannten Tintinnabula (kleinformatige Bronzeplastiken mit applizierten Metallglöckchen) kooperieren die meist phallischen, skurrilen oder grotesken bildlichen Darstellungen mit den Klangeffekten der Glocken in der affective agency der Objekte, indem sowohl visuelle als auch akustische Reize in Situationen struktureller Liminalität einer Schutzfunktion vor dem Bösen Blick dienen.

Das Forschungsprojekt geht grundlegenden Fragestellungen nach:

Wie sind multisensorielle Erfahrungen der Vergangenheit für uns als historische Phänomene fassbar? Inwieweit wurden antike Objekte und Konfigurationen im Hinblick auf ihre sinnliche Erfahrung erzeugt und rezipiert? Wie verhalten sich diese hinsichtlich ihres intersensoriellen Charakters (Korrespondenz / Opposition; Hierarchie [Substitution / Sublimierung] / Gleichwertigkeit; Simultanität / Sequenzialität)? Welche Rückschlüsse auf Fragen der Strukturierung gesellschaftlichen Lebens sind möglich bzw. wie sind Objekte als sensorielle Stimuli in räumliche Konfigurationen und atmosphärische Erlebniszusammenhänge (sensescapes), die Wahrnehmung und Wertschätzung bestimmter mikro- und makro-räumlicher Umgebungen und der Orientierung in diesen integriert? Wie gestaltet sich der Umgang mit Phänomenen der Sinneserweiterung (z. B. Rausch & Ekstase im kultischen Ritual) und des Sinnesverlustes (z. B. Blindheit und Blendung)?