Neue Forschungen am Forum von Pompeji: das sog. Comitium (in Kooperation mit Prof. Dr. J. Lipps/Eberhard Karls Universität Tübingen)

Pompeji, Flecker

Pompeji, Radargramm in der Tiefe von 142 cm des sog. comitiumAbbildung: Flecker


Das Forum von Pompeji ist seit etwa 200 Jahren zentraler Gegenstand klassisch-archäologischer Forschungen. Die Fülle und der gute Erhaltungszustand der Denkmäler sowie die Kenntnis zahlreicher historischer Zusammenhänge machen den Platz für die Archäologie besonders attraktiv. Die lange und disparate Forschungsgeschichte mit ihren vielen unpublizierten Grabungen sorgt aber auch dafür, dass grundsätzliche Fragen zur Geschichte der Platzanlage und damit verbunden zur Stadtgeschichte bis heute nicht abschließend geklärt sind.

Ein seit 2003 an der Universität Augsburg unter der Leitung von Valentin Kockel angesiedeltes Projekt hatte es sich deswegen zum Ziel gesetzt, die lange Forschungsgeschichte zum Forumsplatz und den Bauten im Süden erneut zu sichten sowie den vermeintlich gut bekannten Bestand durch Photogrammetrie und Bauaufnahme erstmals systematisch zu dokumentieren. Ergänzt wurden die Arbeiten ab 2007 durch gezielte Sondagen im südlichen Forumsbereich, die vor allem halfen, die Altgrabungen Amedeo Maiuris gründlich zu dokumentieren und besser zu verstehen. Zudem konnte durch die Erweiterung der Schnitte erstmals stratifiziertes Fundmaterial gewonnen werden, um die bauliche Entwicklung in diesem Bereich des Forums zeitlich auf abgesichertem Fundament zu skizzieren. 

https://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/archaeologie/Forschung/Forschungsprojekte_Kockel/Forum

Daran knüpft sowohl inhaltlich und methodisch als auch personell ein jetzt an den Universitäten Kiel und Tübingen angesiedeltes Folgeprojekt an. Ausgangspunkt für dieses Projekt sind Probleme und Fragestellungen, die sich im Zuge der Augsburger Forschungen ergeben haben. Im Zentrum der Arbeiten steht das sog. comitium, das in seiner Chronologie und baulichen Entwicklung sowie in seiner konkreten Funktion nachwievor umstritten ist. Ziel dieses Projektes wird es vor allem sein, den Wandel des Platzes an seiner Südostseite von der Republik bis in die frühe Kaiserzeit besser zu verstehen.

Im August 2015 konnten durch die freundliche Genehmigung der Soprintendenza di Pompei (Massimo Osanna, Sara Masseroli und Laura D’Esposito) und durch die Unterstützung der Kommission zur Erforschung des antiken Städtewesens der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe 'ArchäoGeophysik' der Universität zu Köln die Ostportiken und das sog. Comitium geophysikalisch prospektiert werden (Abb. 2). Besonders bemerkenswert sind die gut sichtbaren Befunde, die sich unterhalb des bis heute nicht gegrabenen sog. comitium abzeichnen und hier nun erstmals Hinweise auf die Struktur der republikanischen Vorgängerbebauung liefern (Abb. 3). Diese lassen sich vorsichtig als Überreste von zur Via dell’Abbondanza ausgerichteten Tabernen und ehemalige Begrenzungsmauern der anschließenden Häuser und Wege interpretieren, die beim Bau des sog. comitium beschnitten wurden. Die Ergebnisse der geophysikalischen Untersuchungen belegen einmal mehr, dass der Bereich im Südosten des Forums im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Funktionsräume eine Schlüsselposition zum Verständnis der Entwicklung des pompejanischen Forums einnimmt, da an dieser Stelle wirtschaftlich genutzte Tabernastrukturen im Norden, auf ‚private’ Hausarchitektur im Süden und eine öffentliche Platzanlage im Westen treffen.

Aufbauend auf den Ergebnissen der geophysikalischen Prospektion ist für den Sommer 2017 und 2018 ein Folgeprojekt im Bereich des sog. comitium geplant. Ziel des Projektes ist es, anhand einer erstmaligen Bauaufnahme, einer gründlichen Reinigung des Innenraums und weniger gezielter Sondagen die Datierung, Entwicklung und funktionale Deutung des Baus und damit seine Einbindung in den historischen und urbanen Kontext Pompejis zu überprüfen. Dahinter steht die Absicht, seit dem 19. Jh. geläufige Verknüpfungen literarischer und archäologischer Quellen am Forum von Pompeji kritisch zu hinterfragen und alternative, stärker auf das archäologische Material gestützte Deutungsmodelle zu entwickeln. 

 

Kooperationspartner:

Soprintendenza di Pompei (Massimo Osanna)

Universität zu Köln (Manuela Broisch)

 

Förderung: 

Bayerische Akademie der Wissenschaften