Beobachtungen zum Erechtheion

Erechtheion, Hyperthyron, Ausschnit (Bildnachweis: B. Schmaltz)

Die Varianten der scheinbar so einheitlichen Lotus-Palmetten-Friese an Epikranitis, Säulenhälsen und Hyperthyron des Erechtheion wurden in der Vergangenheit gelegentlich angesprochen. Die systematische Betrachtung lehrt, dass dieser Dekor von der Ostseite her zur Nordhalle hin reicher wird, gipfelnd im Hyperthyron über der großen Tür. Hinzu kommen die reiche materielle Ausstattung der Nordhalle (Accessoires aus Gold und bunten Glaseinlagen), die Monumentalität der Tür und die Goldrosetten am Türgewände. So liegt es nahe, hier den Haupteingang zum Gebäude zu erkennen, der zu seinem Zentrum führt, zum alt-ehrwürdigen Kultbild aus Olivenholz.

Dieser archäologische Befund spricht dafür, das Kultbild im Westteil der Cella zu lokalisieren – entgegen der communis opinio, die sich für Aufstellung im Ostteil ausspricht. Dabei stützt sich die Argumentation auf Inschriften, literarische Nachrichten und Baubefunde, wie die jüngste Zusammenstellung von M. Meyer (2017) zeigt. Sorgfältige Überprüfung dieser Argumente erweist ihre weitgehende Fragwürdigkeit.

Manche Motive (z.B. 4-blättrige Palmette) und Gestaltungsformen des Hyperthyron-Anthemions sind offenkundig nicht zeitgemäß, sondern reflektieren Älteres. Da es sich beim Hyperthyron um einen Ersatz wohl der frühen Kaiserzeit handelt, ist zu ventilieren, inwieweit diese Besonderheiten zulasten der Kopisten oder des Vorbildes gehen. Dabei zeigt sich, dass altertümliche Formen vielleicht sogar auf einen konkreten Bezug zum Athena-Kult deuten