ERC Grant DECOR

Teilprojekt 5: Hauptstraßen als decorativ gestaltete Funktionsräume

Via dell’Abbondanza in Pompeji
Via dell’Abbondanza in Pompeji© Jackie and Bob Dunn www.pompeiiinpictures.com

 

Teilprojekt 5 widmet sich der Analyse von Hauptstraßen. Eine solche Untersuchung bietet sich zuvorderst für die Vesuvstädte Pompeji und Herculaneum an. Punktuell können auch die Straßenbefunde der Hafenstadt Ostia herangezogen werden, allerdings sind die aussagekräftigen Befunde hier zumeist spätantik.

Hierarchisierung des Straßensystems nötig

Die Analyse von Hauptstraßen setzt eine Hierarchisierung des Straßensystems, d.h. eine Unterscheidung von Haupt- und Nebenstraßen, voraus. Dazu wurden in der Vergangenheit verschiedene Vorschläge gemacht: Hauptstraßen führen auf Stadttore, sie sind üblicherweise breiter als andere Straßen, v.a. aber öffnen sich mehr Türen und Durchgänge auf die Straßen, d.h. sie besitzen eine kleinteilige, auf die Straße ausgerichtete Randbebauung.

Angrenzende Bebauung bisher kaum berücksichtigt

Die Vielzahl von Studien, die sich in jüngster Vergangenheit mit Straßen beschäftigt haben, zielen mehrheitlich darauf, Aussagen über den Straßenraum im engeren Sinn zu treffen. Sie konzentrieren sich einerseits auf Wagenspuren, Abkantungen und Trittsteinen, anhand derer der Verkehrsfluss rekonstruiert wird. Andererseits werden aber auch Installationen wie Altäre, Brunnen und Wassertürme berücksichtigt, um Aussagen über Handlungsszenarien im Straßenraum treffen zu können.

Bislang kaum berücksichtigt wurde allerdings, dass der Aktionsraum Straße nicht allein auf das Straßenbett selbst beschränkt ist, sondern die angrenzende Bebauung mit einschließt. An den Hauptstraßen der römischen Städte liegen Häuser mit ihren Fassaden, in noch größerer Zahl aber den Häusern vorgelagerte Läden (Tabernae) oder Werkstätten (Officinae). Letztere finden jüngst zumindest vereinzelt Beachtung, ohne dass sie aber im Straßenkontext diskutiert würden. Insgesamt gilt daher, dass die funktionale Struktur des Straßenraums mit seinen verschieden genutzten Tabernae und Officinae bislang noch recht wenig untersucht ist. Im Fall Pompejis stützen sich die funktionalen Benennungen Eschebachs, die als Grundlage der meisten Kartierungen von Gewerben dient, vor allem auf (nur selten signifikante) Graffiti und unsystematische Beobachtungen zu Einzelfunden.

Funktionaler Charakter der Straßenrandbebauung als Grundlage

Das Projekt hat folglich zunächst einmal den funktionalen Charakter der Straßenrandbebauung zu klären, um Straßen als Aktionsräume und Erlebnisräume greifbar zu machen. Auf dieser Grundlage soll dann aber nach den Modi der visuellen Gestaltung von Straßen gefragt werden. Nur selten handelt es sich um prominente Gestaltungsmaßnahmen wie Ehrenbögen, häufiger sind es kleine Heiligtümer, Altäre und Brunnen, die das Erscheinungsbild prägen.

Geradezu durchgängig aber wird die Straßenwirkung durch die Gestaltung der Straßenfassaden bestimmt . Zudem sind die Öffnungen der Tabernae und Officinae zumeist so weit, dass sie als gestalteter Teil des erweiterten Straßenraums wahrnehmbar sind. Ziel des Projektes ist es somit, den gestalteten Straßenraum in seiner Gesamtheit einer Analyse zu unterziehen.

Komparativ angelegter Ausblick

Allerdings wird es die Analyse des Straßenraums nur in sehr begrenztem Umfang erlauben, Aussagen zu den Phasen vor der Zerstörung Pompejis und Herculaneums im Jahr 79 n.Chr. zu tätigen. Die Mehrzahl der Fresken und Graffiti lassen nur sehr bedingt eine historische Staffelung zu. Insbesondere die Kleinfunde, die maßgeblich zur Bestimmung des Nutzungszusammenhangs herangezogen werden, dokumentieren allein die letzte Nutzungsphase des Straßenraums.

Das Projekt wird daher in einem komparativ angelegten Ausblick formulieren müssen, wie sich einzelne Elemente des Straßenraums chronologisch und regional entwickeln. So wäre etwa danach zu fragen, in welchem chronologischen und regionalen Kontext sich Hauptstraßen zu besonders belebten Geschäftsstraßen entwickeln. Weiterhin gilt zu klären, wann man mit Pflasterung und Gehwegen, aber auch mit der Entstehung von Portiken entlang der Straßen rechnen darf.