ERC Grant DECOR

Teilprojekt 1: Decorative Prinzipien im römischen Haus

Fresko im Domus Aurea in Rom
Fresko im Domus Aurea in Rompuplic domain, Quelle


Im Zentrum des Projektes steht mit der Analyse von decorativen Systemen des privaten Raums der Funktionskomplex mit der dichtesten Überlieferung (Teilprojekt 1-3). Der übergreifende, systematische Projektteil 1 wird vom PI selbst bearbeitet und von zwei flankierenden Promotionen begleitet: der Analyse von Bildern und Ornamenten auf Kleinfunden (Teilprojekt 2) sowie einer exemplarischen Fallstudie zur decorativen Ausstattung der Häuser auf der Insula IX,5 (Teilprojekt 3).

Schwerpunkt: Befunde aus Pompeji und Herculaneum

Die mit Abstand dichteste archäologische Überlieferung von Hausbefunden stammt aus der Region am Golf von Neapel. Teilprojekt 1 wird folglich schwerpunktmäßig Befunde aus Pompeji und Herculaneum diskutieren, ein partieller Vergleich mit Befunden aus anderen Städten, insbesondere Rom, ist aber schon deshalb wichtig, um die Frage nach der sozialen Kontextualisierung in die Studie einholen zu können. Die Teilprojekte 2 und 3 sind eng auf Teilprojekt 1 bezogen, jedoch als Fallstudien angelegt, so dass sie sich auf Material aus Pompeji beschränken können.

Im Rahmen des zentralen PI-Projektes (Teilprojekt 1) werden an ausgewählten Beispielen spätrepublikanisch-frühkaiserzeitlicher Wohnhäuser die Prinzipien der Verwendung, Bedeutung und Funktion von Decor vom 2. Jh. v. Chr. bis zum späten 1. Jh. n. Chr. untersucht. Dabei werden für alle vier Decorationssysteme („Stile“) jeweils mehrere Häuser für eine Detailanalyse exemplarisch herausgegriffen.

Eine erste Durchsicht der Häuser legt folgende Auswahl nahe: für den Ersten Stil die Casa del Fauno in Pompei und die Casa Sannitica in Herculaneum, für den Zweiten Stil die Villa des Fannius Synistor in Boscoreale und die Villa der Poppaea in Oplontis, für den Dritten Stil die Casa di Lucretio Frontone und die Casa dei Dioscuri, für den Vierten Stil die Casa dei Vettii, die Casa di Meleagro, die Casa di Menandro, die Casa del Citarista, jeweils in Pompeji, sowie die domus aurea in Rom.

Drei notwendige Untersuchungsschritte

Für alle genannten Kontexte ist in einem ersten Schritt die baulich-architektonische Struktur einerseits, die decorative Ausstattung andererseits so präzise wie möglich zu rekonstruieren. Dazu ist zunächst die verfügbare Fachliteratur zu den Baukomplexen zu sichten (die zum Teil sehr heterogen ausfällt), in einem zweiten Schritt sind die heute noch erhaltenen Reste vor Ort zu analysieren. In einem dritten Schritt sind für die Rekonstruktion der Malerei alte Stiche und Aquarelle in den Archiven in Neapel und Paris zu konsultieren und – für die Häuser in Pompeji –  mit dem Korkmodell (Neapel, NM) abzugleichen, das Pompeji kurz nach den Ausgrabungen wiedergibt. Auf dieser Grundlage sind Grundrisse im Maßstab 1:20 zu erstellen, in die die Wandmalereien, Bodenbeläge, wenn vorhanden auch Deckenbefunde sowie größere Installationen (Altäre etc.) eingetragen werden. Von den bebilderten Wänden sind, sofern sich die Wandgestaltung relativ vollständig erhalten hat, Rekonstruktionszeichnungen zu erstellen.

Für nicht in situ aufgefundene Ausstattungselemente (etwa die Oscilla der Casa del Citarista, Möbel) ist der ursprüngliche Ausstellungskontext kritisch zu diskutieren, um sie ggf. ebenfalls in die kontextuelle Analyse einzubeziehen. Alle Architektur- und Decorelemente sind systematisch in einem Raumbuch (als filemaker-Datenbank) festzuhalten. Objekte, deren Kontext sich im Detail nicht mehr benennen lässt, die aber einem Haus sicher zugewiesen werden können, sind separat zu listen. Kleinfunde (Münzen, Stempel, Keramik etc.) werden im Rahmen von Teilprojekt 1 nicht berücksichtigt, da sie den Rahmen der Untersuchung sprengen würden (siehe dazu Teilprojekt 2). Im Einzelfall ist für die räumliche Konkretisierung der Überlegungen auf bereits vorhandene oder ggf. auch neu zu erstellende 3D-Rekonstruktionen zurückzugreifen.

Methodische Herausforderung

Eine methodische Herausforderung liegt darin, dass Häuser am Golf von Neapel im Moment ihrer Zerstörung (79 n.Chr.) Decorformen besitzen, die auf verschiedene Ausstattungsphasen zurückgehen. Das letzte Nutzungsstadium eines Hauses stellt folglich immer ein Palimpsest aus verschiedenen vorausgegangenen Nutzungsphasen dar. Zunächst ist für jedes exemplarisch untersuchte Haus das tatsächliche Nebeneinander von Neu und Alt, die Komplexität eines jeweiligen Wohnensembles, ins Auge zu fassen. Auf dieser Grundlage kann auch danach gefragt werden, ob bestimmte Areale des Hauses häufiger ‚modernisiert‘, d. h. mit dem gerade ‚angesagten‘ Decorationssystem versehen wurden und ob es Hausbereiche gab, in denen man die Atmosphäre schätzte, die ältere Decorationssysteme schufen. Freilich darf dabei nicht aus den Augen verloren werden, dass die neue Verputzung nicht allein ästhetischen Kategorien, sondern baulichen Notwendigkeiten geschuldet sein konnte.

Kleinste Analyseeinheit als Ansatzpunkt bei der Auswertung

Die Auswertung setzt bei der kleinsten Analyseeinheit an. Für jedes Haus werden die Decorelemente zunächst Raum für Raum analysiert. Dabei gilt es einerseits, die Charakteristika des Raumes zu erfassen (Durchgänge, Fenster, Verschlussmöglichkeiten etc.). Parallel dazu gilt es zu bestimmen, welche Decorformen innerhalb eines Raumes welchen Ort einnehmen und wie sie aufeinander Bezug nehmen. Hier sind die verschiedensten Strategien der Bezugnahme denkbar: Material und Größe, die Verwendung vergleichbarer Bildschemata oder von einheitlichen Rahmenelementen, schließlich auch die Thematisierung vergleichbarer Inhalte in unterschiedlichen Medien, – um nur einige Strategien zu nennen.

Gleichzeitig sind aber sehr unterschiedliche Modi der Interaktion mit dem Raum denkbar: Die Inszenierung von Decor auf der geschlossenen Wand, das Arbeiten mit Durchblicken auf Architektur oder Gärten, der Einsatz von Licht oder Wasser als ästhetisches Gestaltungsmittel etc. Auf dieser Grundlage einer solchen Detailanalyse wird es möglich, die Frage nach den Ordnungsprinzipien decorativer Elemente und damit auch nach den Wirkprinzipien von Decor zu stellen. Dabei ist jeweils auch nach dem Verhältnis ästhetischer Mittel und inhaltlicher Aussagen zu fragen, mithin nach der Verschränkung von Ästhetik und Semantik, in der die Atmosphäre eines Raumes entsteht.

Dabei ist damit zu rechnen, dass die Decorelemente ‚homogene‘ Stimmungsräume zu erzeugen vermögen, in denen die einzelnen Decorelemente aufeinander abgestimmt sind, im Gegensatz dazu aber auch ein hohes Maß an Heterogenität und Vielfalt zu erzeugen vermögen, um das Auge in Bewegung zu halten, zu ‚unterhalten‘. Das Projekt wird untersuchen, inwieweit sich hier zeittypische Strategien der Raumausstattung greifen lassen.

Vergleichende Untersuchung der decorativen Strategien für ein ganzes Haus

In einem zweiten Schritt gilt es, die decorativen Strategien für ein ganzes Haus vergleichend zu untersuchen. Hier kommt die Frage nach den sozialen Akteuren ins Spiel. Es geht hier folglich um die Frage prototypischer Handlungen, die man für einzelne Räume des Hauses annehmen darf und damit auch um die Frage, in welchen Handlungszusammenhängen decorative Ensembles wahrgenommen, folglich auch situativ akzentuiert werden. Gleichzeitig ist hier auch danach zu fragen, welche Bewegungsformen man innerhalb eines Hauses voraussetzen darf. Erst dadurch lässt sich erschließen, wie sich decorative Ensembles gewissermaßen Schritt für Schritt gegenseitig erhellen.

Im Moment der Zerstörung Pompejis waren nun aber einige Häuser stärker modernisiert als andere. Indem für die Analyse Häuser ausgewählt werden, in denen ein Stil besonders prominent vertreten ist, lassen sich aber auch – wenn auch nur mit großer methodischer Vorsicht – verschiedene Phasen von Decorsystemen rekonstruieren. So kommt in den Blick, welche Gestaltprinzipien in welcher historischen Phase besonders geschätzt waren.

Es geht folglich um die Rekonstruktion einer Geschichte des römischen Wohngeschmacks vor dem Hintergrund einer Geschichte decorativer Prinzipien. Für diese historische Perspektive auf das Wohnen sind freilich weitere Befunde zu den Fallbeispielen in Beziehung zu setzen, die es erlauben, eine soziale Kontextualisierung der Einzelbefunde vorzunehmen. Am dichtesten sind Aussagen freilich für die letzte Wohn- uns Ausstattungsphase Pompejis, für den Moment unmittelbar vor der Zerstörung, möglich.